Jorinde Minna Markert

Bolle oder: verlorene Formen

1. 

Ist Jesus eine Puppe? Der Gedanke kam mir, als Bolle und ich die Doku über die japanischen Sex Dolls schauten. Keine Ahnung, warum wir sie schauten. Wir hatten etwas wholesomes machen wollen. Komm, hatten wir gesagt, wir machen uns jetzt einen wholesomen Abend. Ein Wort, bei dem es passiert, dass man das „w“ vor dem „h“ vergisst, aus etwas Ganzem nebenbei etwas Löchriges macht. Eigentlich hatten Bolle und ich natürlich sagen wollen: Lass uns diesen löchrigen Tag vergessen, den wir damit verbracht haben, jeden einzelnen Barockbrunnen der Stadt zu fotografieren. Aber war am Ende der selbst der schönste Barockbrunnen nicht auch nur ein Loch? Wir hatten das Gefühl, es irgendeiner unsichtbaren Instanz schuldig zu sein. dass es das Geld und Co2 doch wirklich wert gewesen war. Mit anderen Worten, wir waren last Minute geflogen. Uff, hatte Bolle beim Buchen gesagt und das Häkchen beim Athmosfair-Ausgleich gesetzt. Aufi, hatte Bolle beim Landen gesagt und war voraus marschiert, Portemonnaie in der Arschtasche. Seither hatte ich ihn eigentlich nur noch von hinten gesehen. Und war am Ende selbst der schönste Barockbrunnen nicht auch lediglich ein Loch? Nur Jesus wird uns jetzt noch retten können, dachte ich, als wir vor dem 40 Zoll Entertainment System des Airbnbs saßen. Aber warum sollte er.

Die Sex Dolls waren aus eine Art Silikon und man konnte ihnen verschiedene Köpfe aufsetzen. Ideal, wenn die Wahl zwischen blond und brünett schwer fällt, sagte das Voice Over. Gliedmaßen wurden vor unseren Augen gegossen, geformt und zusammengesetzt. Es hatte was von einem Splatter Movie rückwärts. Die Dolls sahen alle sehr unterschiedlich aus und konnten ihre Mimik verändern. Eine schien Schnupfen zu haben, eine Augenringe, eine weinte. Sie wirkten erst auf den zweiten Blick nichtmenschlich aus und ich verstieg mich in Überlegungen, ob eine bis ins letzte menschengleiche Puppe überhaupt wünschenswert war. Vielleicht war die Doll-Industrie längst auf dem Stand, perfekte Replikationen zu schaffen aber das war gar nicht, was irgendwer wollte: Eine Puppe ohne diesen leisen Zweifel.
Mein Gott, zieht ihnen doch was an, die hat doch schon Schnupfen, sagte Bolle, während die Puppen für den Transport zu ihren Großdistributoren in LKWs verladen wurden.
Wenn du den Impuls hast, eine Puppe anzuziehen, sagte ich, hast du auch den Impuls, eine auszuziehen. Anziehen, ausziehen, selbe anthropomor-phistische Projektion.
Nein, sagte Bolle. Nicht mein Ding.
Aber man kann alles costumizen, sagte ich und zeigte ihm die Website von Realdoll24 auf meinem Handy. Haarfarbe, Bizeps, die Weite der Liebesöffnungen, kannst du alles festlegen.
Will ich aber nicht.
Wieso nicht.
Weil es die Kommodifizierung des weiblichen Körpers normalisiert.
Aber das ist aber kein weiblicher Körper. Das ist Silikon, Bolle, nur Silikon.
Eine Weile sagten wir nichts.
Andererseits, sagte ich, die haben sogar Passionen. Ich zeigte Bolle eine Doll Namens Margret, die 3000 Euro kostete und an einer Staffelei saß. Die sind mehr Mensch als ich.
Bolle sagte nichts.
Und du, sagte ich, was ist eigentlich mit deinen Passionen.
Ich würde da gerade gerne zuhören, sagte Bolle.
Da passiert doch gar nichts, sagte ich.
Trotzdem, sagte Bolle.
Dann passierte allerdings doch etwas: Eine der Sex Dolls versuchte, die Biege zu machen. Sie war falsch herum in den Frachter eingeladen worden, ihr Kopf wies in Richtung der anderen Doll-Füße. Es war so eine mit biederem Haarschnitt und vorwurfsvollem Blick, die eine Art Vorstadtehefrauen-Illusion vermitteln soll. Zwischen dem Geäst aus Doll-Beinen schob sich zuerst nur der kirschrote Bob heraus, dann rutschte der Rest nach. Die Arme streckte sie weit von sich, ihr Gesicht war gen Himmel gedreht. T-förmig stach sie für einen Moment aus dem Sex-Doll-Wald heraus und sagte mit vorwurfsvollen Silikon-Augen: Ich bin für eure Sünden gestorben. Dann fiel sie zu Boden.
Ich sah Bolle an, Bolle sah mich an. Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber im selben Moment wurde der gesamte Raum in Schwingung versetzt. Wir spürten es, bevor wir es hörten. Ein Vibrieren, das unsere Zähne und Weingläser und von da aus jeden Kubikzentimeter des Raumes erfasste. Für einen Augenblick waren wir nichts, nichts, nur Material für die akustischen Wellen, die uns durchliefen.

Bereits beim Check-In hatte uns die Sache Sorgen bereitet. Wie ein gleichaltriger Cousin, der als Erster ins Wachstum gekommen ist, linste der Glockenturm auf unser Airbnb herab. Sowas muss man doch in der Beschreibung angeben, hatte Bolle gesagt. Du wolltest Kirche, du kriegst Kirche, hatte ich gesagt. Finger in den Ohren sahen wir uns jetzt über den dröhnenden Dreiklang hinweg an. Ich dachte: Keine Ahnung, wann ich Bolle zuletzt angeschaut hab, vielleicht an der Piazza Navona, als er meinte, eine Sonnenallergie zu bekommen. Die Beschallung war so unerhört, dass sie unsere Beklemmung auslöschte. In unseren Schädeln summte stumm der Grundton des Dreiklangs mit, angeblich nur eine psychoakustische Halluzination. Ist gleich vorbei, formten Bolles Lippen. Vielleicht las ich es auch falsch, vielleicht sagte er auch: Hol Polizei, oder: Ich schlaf am Kai. Mach doch, formte ich zurück, aber wahrscheinlich sah es für Bolle aus wie etwas anderes - denn er nickte und reckte den Daumen nach oben. Währenddessen wurde die Sex Doll wieder eingefangen. Zwei Speditions-Typen schoben sie, diesmal richtig herum, zurück in den Laderaum, wobei der kirschrote Bob ein wenig an Fassung verlor. Vorwurfsvoll starrte sie uns an, bis sie zwischen den Beinen von Tamira, Cassy, Lumina und Margret verschwand. Falls sie protestierte, so wurde es vom sakralen Schallereignis vor unserem Fenster geschluckt.

Emmett Lewis

Paul Verhoeven

1.  

Is Jesus a puppy? Thanks for the camera, alas Ball and the over-documented Japanese Sex Doll. They shout. Ken Loach, where do you shout? With what homeward matchstick wool. Gestalt mechanic, the Jetsons. One word (past this man), “w” and “h.” In one word or something with holes. We photographed every fountain in the city.  

After war an endless shelf. Schadenfreude, go Brunson. Is it night on the lake? Withhold that folly an ingredient unsightly—instantly schoolhouse (with wine). That’s gold. That’s carbon dioxide in a workingman’s drip. Anderson and Gene found a last minute goose egg. Fluff your hat, Mr. Bale, and book into atmosphere.   

Fair enough. Portmanteau. Bin Laden. Prostrate warm voracious mousecart. Portland arcade. Effi hates Ball, Seaver hates Isthmus. Eighteen in the night with jellyfish hymn. Afterward eternal shell. Is night on the ledger? Our Jesus is wired into jet planes. Wrench a castle of deckhands through warmth and solidity.  

An Airbnb for every season. The Sex Dolls wear silicone earrings. A man, Kant, dunks his head in the trough. Followed by coffee. Voiceover: ideal when blonde, brunette without fault. Glockenspiel. Human goose uniform instead. Gagosian. And the wart doll Splatter Movie. Australian underwear on Mimi’s veranda. Sniffles seems shy. 

Stop working. ODB in a Blick. Nightmarish Versailles and Verisimilitude without puppets. About eight nine seconds from Dietrich. Six doves until rucksack. Try maritime to precept. Try staring. Industry-length reptilian subtitular. Another shade of garish engendered night waif. 

Puppies offline. My god, what a dock, how will Sniffles transpose. Sparked the ire of gross distribution. She’s almost like you. In Lorazepam’s forest. With legs almost like you. Not one hasty Impreza. Annunciate, sage, auspicious. Not another anthro-pastiche project, said Bouquet. Won’t you do me a favor?  

Good night, my Doll, ante up. Ding dong Roald Dahl at age 24. Fastidious with Hardy and Bicep and Winslow—linebacker. Ache into night. A Venn diagram of commodified normalcy. Corporal Silicone Ball, with a passion for DreamWorks. Eighteen churros from Eiffel.