verpuppung

sich eine zweite haut ver-
kehrt herum überziehen, sich ein-
nesteln, und so dann aus-
harren, zusammengefaltet,
in neuem mantel,
warten warten warten
es sich muckelig machen,
es wie die maden machen,
und warten warten

aufzeichnungen auf blaupapier

‍ ‍es war eine puppe gewesen
‍ ‍von eineinhalb metern, ungefähr,
‍ ‍man hatte sie an meinem geburtstag
‍ ‍neben die neun kerzen in nahezu
‍ ‍rechtem winkel auf einen stuhl geknickt,
‍ ‍die hände nach vorne gestreckt,
‍ ‍als greife sie nach etwas unsichtbarem im raum

‍ ‍sie hatte dickes, rotes menschenhaar,
‍ ‍feinsäuberlich in den plastikkopf genäht,
‍ ‍zu langen zöpfen geflochten, und dazu augen
‍ ‍aus blauem glas, in hellweiße haut gelassen,
‍ ‍blässlich, fast krank der ton, nur die wangen
‍ ‍zwei apfelrote kreise, als könne man sie
‍ ‍von den backen schütteln

seihe

‍ ‍sich im mantel zu winden beginnen,
‍ ‍die kuppen und kanten von innen ge-
‍ ‍gen die hülle reiben, bis es siebt und krumt,
‍ ‍die waden und ellbogen schleifen und pres-
‍ ‍sen, sich dann hinauskämmen, sich aus-
‍ ‍wringen, die eigene hülse zersetzen, sie zer-
‍ ‍kauen, siebenmal, bis es unten aus den fu-
‍ ‍gen tropft

drei durchschläge, darunter

‍ ‍ ‍hinter der plastikhaut
‍ ‍ ‍ist der puppenkörper hohl
‍ ‍ ‍wenn meine faustfinger
‍ ‍ ‍dagegen klopfen, hämmert es
‍ ‍ ‍dumpf aus dem kopf heraus
‍ ‍ ‍auf der oberfläche hingegen
‍ ‍ ‍klebt der puppenleib
‍ ‍ ‍leckt meine bloße zunge
‍ ‍ ‍über die besprossten wangen,
‍ ‍ ‍schmeckt es nach alten naschereien

-

‍ ‍ ‍nachts höre ich sie flüstern, traurig
‍ ‍ ‍wäre das gewesen, ein mutterkind,
‍ ‍ ‍ein einzelnes, und honig hätten sie ihm
‍ ‍ ‍ums maul geschmiert
‍ ‍ ‍sie sagen, mit schlechtem gewissen
‍ ‍ ‍hätte das nichts zu tun, man hätte ihr
‍ ‍ ‍krümel gereicht, doch sie hätte den gan-
‍ ‍ ‍zen kuchen gewollt
‍ ‍ ‍lächel doch mal, sagen sie,
‍ ‍ ‍dir fehlt‘s doch an nichts,
‍ ‍ ‍und streicheln mir über das
‍ ‍ ‍leuchtende kinderblond

-

‍ ‍ ‍ich schüttel die puppe und schüttel, schüt-
‍ ‍ ‍tel, die harten arme immerzu ausgestreckt, immerzu ‍ ‍ ‍. gierig
‍ ‍ ‍ein apfel fällt ganz nah am stamm, sagen sie,
‍ ‍ ‍die hand in meinem weißen haar
‍ ‍ ‍würde ich rennen, die strähnen ver-
‍ ‍ ‍fingen sich in ihren fingern

eine entlarvung

‍ ‍ ‍ sich erinnern,
‍ ‍ ‍ wie dünn das haar gewesen wäre, die schwung-
‍ ‍ ‍ kraft eines einzelnen kindes würde den knoten zer-
‍ ‍ ‍ reißen, zurück blieben weiße büschel, die wie sieb- ‍ ‍ ‍ gut aus interdigitalräumen ragten

Julia Zipfel

Ana Trevino