Insa Berkenhagen

Ich sehe was, was.

Ich sehe was, was du nicht siehst, und das sind Motorräder auf 4,8 Megapixeln. Reifenprofile, Rückspiegel, Schlussleuchten, die ausbluten und ich jage sie mit dem Cursor über das drei mal drei, das vier mal vier Raster.
Im Tic-Tac-Toe klicke ich mich in die Realität. 

Wieder gibt es ein neues Bild und ich erkenne das Haus der Benjamins. Sie wohnen bei den Arkaden und halten dort die Ohren steif. Sitzen eine neben dem anderen, reißen sich gegenseitig die Augen auf und zeigen mit dem nackten Finger auf angezogene Leute. Sie passen nicht in die Nachbarschaft, sagt M., immerzu spicken sie zwischen die Gardinen und halten Ausschau nach unter Autos versteckten Katzen. Sie recken sie die Köpfe über die emsig gezüchteten Hecken, sie stören die emsig gezüchtete Stille – klopfen die Gegend ab, nach Reaktionen aus dem Unterholz. 

Sie passen nicht in die Nachbarschaft, wiederholt M. 

Hier kehren wir vor der eigenen Türe, fein säuberlich bis zu den Grundstücksgrenzen. 

Und dann ballen wir die Luft zusammen, ganz fest, bis sie zwischen den hohen Hecken steht und die Menschen in ihre Häuser drängt. Über die Straße gehen wir nur in hastigen Schritten, mit den Händen tief in die Jackentaschen gestopft und dem Blick aneinander vorbei. 

Schauen dorthin, wo es nichts zu sehen gibt.

Wir lassen uns nichts zu schulde kommen und verlieren kein Wort über die Gutmenschen, die wir sind. An Weihnachten oder Geburtstagen huschen wir mit pralinengefüllten Körben den Gehsteig entlang – knisternde Wohltaten, klammheimlich stellen wir sie uns gegenseitig wie Diebesgut vor die Türe.

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Ich sehe was, was du nicht siehst, und das sind Fußgängerüberwege auf 4,8 Megapixeln, darauf Figuren mit verschmierten Gesichtern, wie Grenzgänger zwischen den abgesenkten Bordsteinkanten. Mit dem Cursor jage ich die ausblutenden Zebrastreifen über das drei mal drei, das vier mal vier Raster und spiele Tic-Tac-Toe.

Ich renne um die Wette entlang algorithmischer Schwellenwerte und lasse meine Zeit abnehmen in messbarer Existenz. Ich falle durch inszenierte Lücken hindurch und die Benjamins fangen an, Schilder aufzustellen – Eltern haften für ihre Kinder.

Am Nachmittag laden sie uns vor – in hastigen Schritten, mit den Händen tief in die Jackentaschen gestopft und dem Blick aneinander vorbei gehen wir über die Straße. Um das Haus bei den Arkaden gibt es keinen Zaun und die Grundstückgrenzen sind ungekehrt. Die Benjamins zeigen uns ihren Keller, dort haben sie eingedachte Gläser stehen. Mit Zuckerwasser bis zum Anschlag züchten sie ihre Vergissmeinnichte heran. 

Gemeint sind die Neumarchen, wie sie im Flutlicht tausendfach verschluckt werden, drei Meilen entfernt. Sie erheben Klage und fragen, ob wir das Leck nicht gesehen haben und wie wir uns das vorgestellt haben, dass sie zu tanzen anfangen, wenn sie doch bis zu den Knien im Pech stehen. Unschuldig hebt die Nachbarschaft die Hände und die Benjamins fragen uns, wie es dazu kommt. Warum wir Schiffeversenken spielen und uns dann hinter vorgehaltener Hand wieder keine Geschichten erzählen.

Weil das Märchen sind, meint M. und die Benjamins nicken aufgeregt. Sie fragen uns, warum wir uns nur an die eigene Nase fassen. Warum wir mit Monstern unter den Betten schlafen, und davon träumen ihnen über-legen zu sein.  

Sie halten uns an to bear witness.

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Ich sehe was, was du nicht siehst, und das sind Motorräder, das ist das Haus der Benjamins und das sind Zebrastreifen. Schulter an Schulter bluten sie aus und ich jage sie über das drei mal drei Raster. 

Singe: Tit-tat-toe// here I go// and if I miss// I pitch on this. 

Ich unterliege der infrastrukturellen Lesbarkeit, den administrativen Grenzen, die sie zieht und geistere in der Nachbarschaft, ihrer geballten Luft umher wie mit abgelaufenem Pass. Unter den Straßenlaternen werfe ich keinen Schatten und an der Kreuzung verfehlt das looking glas meinen Blick. 

Am Morgen entdecken die Benjamins mich wie eine unter dem Auto versteckte Katze. Mit ihren nackten Fingern zeigen sie auf mich. Sie haken sich bei mir unter und zeigen dann auf die gekehrten Türen, die abgestellten Körbe davor. Zwischen den hohen Hecken betreiben wir Pattern Recognition, bis die Muster anfangen die Blicke zu erwidern. 

Ich war hier schreibe ich auf Klokabinenwände.

Francesca C. Roel

I Spy with My Little Eye

I spy with my little eye motorcycles on four, eight megapixels. Tire treads, rearview mirrors, and taillights bleed and I chase them with the cursor above the three-by-three, the four-by-four grid.
Playing Tic-Tac-Toe, I click myself back into reality.

Another image appears and I recognize the Benjamins’ house. They live near the shopping arcades and are soldiering on. Sitting beside each other, they stare and point at people. They don’t fit in the neighborhood, says M, they’re always spying behind the curtains and looking for cats beneath cars. They peer over the hedges; they disturb the peace. They scour the area, searching for reactions from the undergrowth.

They don’t fit in the neighborhood, M repeats.

Here, we mind our business and keep our homes in order. The air gathers until it stirs the tall hedges and drives people indoors. We walk quickly across the street with our hands deep in our pockets, eyes averted from one another. Looking where there is nothing to see. We stay out of trouble and don’t brag about ourselves. During Christmas or birthdays, we hurry down the street with our baskets full of sweets and we place them as gifts before each other’s doorsteps.

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I spy with my little eye the crosswalks in four, eight megapixels, showing the commuters’ blurred faces between the sunken curbs. With the cursor, I chase the fading crosswalk over the three-bythree, the four-by-four grid, playing Tic-Tac-Toe. I race along algorithmic thresholds and let time wane within this measurable existence. I fall through staged gaps, and the Benjamins start setting up signs—for parents are responsible for their children.

In the afternoon, they summon us—we walk quickly with our hands thrust into our pockets, avoiding looking at each other, as we cross the street. There is no fence around the house near the shopping arcades and the property lines are unclear. The Benjamins show us their basement, where they keep their jars of preserves. With sugar water, they overwater their forget-me-nots.  

They are like the naval gladiators of Ancient Rome, swallowed a thousand times. Then the Benjamins file a complaint and ask whether we noticed anything leaking, how we expect them to dance when they’re standing knee-deep in mud. Innocently, we shrug and they ask how it came to this. They ask us why we only think of ourselves. Why do we act like we are playing Battleship? Why pretend to sleep with monsters under the bed and dream of outsmarting them? Because they’re fun, says M.

That is when they call upon us to bear witness.

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I spy with my little eye and they are motorcycles, the Benjamins’ house, and crosswalks. Shoulder to shoulder, they bleed and I chase over the three-by-three grid.

Sing: Tic-Tac-Toe/ here I go/ and if I miss/ I pitch on this.

I am subject to the infrastructural reliability, to the administrative boundaries and I haunt the stifling neighborhood like a displaced person. Under the lamppost, I cast a shadow and at the intersection the surveillance camera eludes my gaze.

In the morning, the Benjamins find me hidden beneath their car like a cat. Then, they link arms, pointing to the doorway and basket in front of them. Between the hedges, we engage in pattern recognition until the patterns stare back. Who was it who said, if you gaze long into the abyss, the abyss gazes back?

I was here, I write, I was here.