Lara Waas

Lost and

Available here for your reading pleasure.

Sebastian Adam

Verloren und

Ich stehle Katzen für Geld. Ganz genau. Ich suche mir eine zufriedenstellende Katze aus, warte, bis es dunkel wird, und hebe sie auf, wie andere Leute einen Groschen, den sie auf der Straße finden. Ich hatte nie das Glück, zufällig einen Groschen auf dem Gehweg zu finden, aber das ist okay. Katzen sind meine Glücksgroschen. Du würdest staunen, wie viel Kohle man machen kann, wenn man der Held ist, der den frechen Rabauken wieder nach Hause bringt. 

„Ach, Sie sollen gesegnet sein, dass Se meinen So-und-so zurückgebracht haben“, sagen mir die Besitzer dann, „Hier ist der Finderlohn. Sie wollen ihn nicht? Aber, aber, Sie haben mein Baby gerettet. Nein, wirklich, ich bestehe darauf.“ 

Nicht jede Katze ist für mein kleines Vorhaben geeignet. Beim Aussuchen meiner pelzigen Komplizen richte ich mich nach drei Kriterien. Erstens sollte die Katze zahm sein. Schnell und leise; das ist mein Motto. Zweitens bevorzuge ich Mischlinge. Im Gegensatz zu Rassekatzen sind Mischlinge so gut wie wertlos. Ich will nicht von Leuten bezahlt werden, weil ich ihnen eines ihrer Luxusgüter zurückgebracht habe. Ich möchte bezahlt werden, weil meine gute Tat ihr blutendes Herz heilt. 

Was mich zu meinem dritten Kriterium bringt: der Besitzer muss das Tier lieben. Nein, nicht lieben. Verehren. Anbeten. Nicht ohne es leben können. Frauen sind in Ordnung. Alte Frauen sind besser. Kinder sind am Besten. 

Ich streife durch die Nachbarschaft – nicht meine Nachbarschaft natürlich, niemals meine Nachbarschaft –, als ich an einem hässlichen einstöckigen Bungalow vorbeikomme, mit so tiefen Rissen, dass es aussieht, als könnte er bei einem Windstoß in sich zusammenfallen. Der Bungalow ist ganz anders, als alle anderen Häuser der Straße mit ihren weißen Lattenzäunen und den säuberlich gestutzten Büschen. 

Auf dem ungemähten Rasen vor dem Haus sitzt ein Junge, vielleicht sieben oder acht Jahre alt, und spielt mit einer Katze. Der Junge huscht mit den Fingern durch das Gras, während die Katze mit dem Hintern wackelt, bevor sie losstürzt. Es ist eine braun-getigerte Katze. Die gewöhnlichste und langweiligste aller Katzen. Mit anderen Worten: Bingo. 

Ich warte in meinem Auto, bis der Mond hoch steht und die Lichter im Haus ausgehen. Wie üblich habe ich eine Packung Leckerli-Stangen mitgebracht. Die guten, nicht dieses Fake-Fleisch-Zeug, sondern mit echtem Huhn und mit Katzenminze versetzt. Ich raschle mit der Verpackung. Nach nicht einmal einer Minute kommt die Katze unter einer Hecke hervor und schlendert wie ein alter Freund auf mich zu, schlängelt sich um meine Beine, schnurrt. Ich nehme sie hoch, setze sie in die Katzentransportbox und bringe sie zurück zum Auto. Diese hier ist besonders sanftmütig. Sie miaut nicht einmal, als ich sie nach Hause fahre. 

Jetzt muss ich nur noch darauf warten, dass das Kind bemerkt, wie sein Freund futsch ist, und dass die Eltern die Geldbörse zücken. Kinder sind die perfekte Zielscheibe, denn sie weinen mehr um ihre Haustiere als jede Witwe um ihren toten Mann. Und ihre Eltern, die verzweifelt den Retter spielen wollen, würden sich in den finanziellen Ruin stürzen, nur um ihre Kleinen wieder lächeln zu sehen. 

Natürlich nicht alle Eltern. 

„Was wolltest du überhaupt mit diesem Ding?“, hatte mein Vater gefragt, als ich ihm sagte, ich hätte meine Katze seit drei Tagen nicht mehr gesehen. „Es hat überall Haare verteilt und nach Rattenpisse gestunken.“ 

„Er hat nicht gestunken“, sagte ich, obwohl ich nicht wissen konnte, dass sie ein „er“ war. Die Katze war einfach eines Tages zufällig aufgetaucht, über den Rasen spaziert, und hatte sich auf meinem Schoß niedergelassen, der für die folgenden acht Wochen zu seinem Lieblingsplatz wurde – bis er, wie eine Münze in der Hand eines Zaubers, auf wundersame Weise verschwand.  

Ich suchte überall – in den Garagen unserer Nachbarn, ihren Gartenhäusern, und sogar ihren Mülleimern –, aber meine Katze war nirgends zu finden. Manchmal dachte ich, ich hätte ihn gesehen. Er war eine braun-getigerte Katze, die gewöhnlichste aller Katzen. Wann immer ich eine sah, rannte ich auf sie zu, rief: „Hey, endlich habe ich dich gefunden!“ Meistens schoss die Katze davon, und dann wusste ich sicher, dass es nicht meine war. 

Gelegentlich aber blieb eine Katze ruhig stehen, ihre Schnurrharre zuckten leicht vor Neugier. Ich streichelte sie, bevor ich eine Vorderpfote anhob und sanft drückte, um die Krallen hervorzulocken. Eine nach der anderen zählte ich. Fünf. Dann hob ich die andere Pfote und wiederholte das Ritual. Wieder fünf. Insgesamt also zehn – immer. 

Die Katze, nach der ich suchte, meine Katze, hatte an einer Vorderpfote nur vier Krallen. Die äußere war verloren gegangen. Das war ihr Erkennungsmerkmal. Eine Katze mit neun Vorderkrallen. 

Ich gab mein ganzes Taschengeld aus, um Poster zu drucken und klebte sie an jeden Baumstamm, Laternenfahl und Briefkasten im Umkreis von einer Meile. Auf den Plakaten stand nur „VERLOREN“, weil ich meiner Katze nie einen Namen gegeben hatte. Aus Sorge, dass die Leute denken könnten, „VERLOREN“ sei sein Name, fügte ich hinzu: „Bitte helfen Sie mir, meinen Freund zu finden.“ 

„VERLOREN“ steht auch auf den Postern, die kurz nach meinem letzten Fund in den Datenbanken für vermisste Tiere auftauchen. Das Bild zeigt das Gesicht der getigerten Katze, die auf meinem Schoß schnurrt.  

„Du bist ein Superstar“, sage ich, während ich sie hinter den Ohren kraule. „Wenn auch kein besonders wertvoller.“ 

Auf den Plakaten steht nichts von einem Finderlohn. Das ist problematisch. Kein Geld, keine Katze. Noch eines meiner Mottos. 

„Keine Geld, keine Katze“, erklärte ich meinem Vater, als ich ihn anflehte, mir Geld zu geben, damit ich einen Finderlohn ausloben konnte. Mein Freund war bereits seit drei Tagen verschwunden, und ich war überzeugt, er käme zurück, wenn ich nur beweisen könnte, dass sein Verschwinden mich genug kümmerte. 

Mein Vater sagte, ich könne einen Finderlohn anbieten, wenn ich mein eigenes Geld verdiente. Ich sagte, bis ich mein eigenes Geld verdiente, sei die Katze entweder tot oder sehr, sehr alt. Mein Vater meinte nur, das sei dann wohl so. 

Manche Leute sind eben geizig. Die glauben, sie kriegen ihre Katze umsonst zurück. 

Es vergeht eine Woche, dann zehn Tage. Die Vermisstenanzeige für die braun-getigerte Katze wird nicht aktualisiert, mit keinem Wort wird ein Finderlohn erwähnt. 

In der Zwischenzeit verwandelt die Katze mein Zuhause zu ihrem. Sie stinkt nicht, wie mein Vater meinte, aber ich finde ihre Haare tatsächlich überall. Wann immer ich ein weiteres zerkratztes Möbelstück entdecke, bin ich versucht, die Katze zurückzugeben, ohne einen Finderlohn zu verlangen. Natürlich tue ich das nicht. 

Ich bin gerade dabei, das Katzenklo zu säubern, als ich das ratschende Geräusch von Krallen höre, die sich durch Stoff ziehen. Ich haste ins Büro, wo die Katze auf meinem Stuhl sitzt und mich mit Unschuldsmiene ansieht. Die Katze springt auf den Boden und enthüllt, was einst die Lederrückenlehne war, jetzt reduziert auf ein Flickwerk zerrissener Fetzen, und über die Rückenlehne erstrecken sich – neun lange Kratzer. 

Ein paar Tage nachdem meine Katze verschwunden war, wurden wir aus unserem Haus geworfen, weil mein Vater die Miete nicht zahlen konnte. Es war nicht das erste Mal. Aber diesmal war es anders, weil ich einen Freund gefunden hatte, und ein Umzug bedeutete jetzt, dass ich ihn nie wiedersehen würde. Umziehen hieß Telefonnummern ändern. Selbst wenn jemand das Vermisstenanzeige gesehen hätte, hätten sie keine Möglichkeit mehr, mich zu erreichen. Ich flehte meinen Vater an, die Vermieterin zu fragen, ob es wirklich nichts zu machen gäbe. Nur eine Woche mehr, damit meine Katze den Weg zurück zu mir finden könnte. Mein Vater schnaubte nur, sagte, der Teufel fresse in der Not Fliegen.  

Also erfand ich – wie Kinder es eben tun – eine Geschichte darüber, wo mein Freund jetzt war. In meiner Vorstellung hatte er sich verirrt. Für eine lange Zeit musste er für sich selbst sorgen, was, da ihm eine Kralle fehlte, nicht gerade leicht war. Schließlich aber fand er ein Zuhause. Ein richtiges Zuhause mit einem Besitzer, der ihn drinnen schlafen ließ, was mein Vater nie erlaubt hatte, der ihm jeden Tag sein Lieblingsfutter gab, und ihn zum Tierarzt brachte, um seine Krallen untersuchen zu lassen. Nachdem ich die Kratzer auf der Rückseite meines Stuhls gezählt und noch einmal nachgezählt hatte – neun; meine Augen hatten mich nicht getäuscht – schnappe ich mir die Katze, setze sie in die Transportbox und steige ins Auto. Ich erreiche die Nachbarschaft in der Dämmerung. Die Vermisstenanzeigen begrüßen mich aus einem Block Entfernung. Das mondförmige Gesicht starrt mir entgegen von jedem Baumstamm, jedem Laternenpfahl.  „VERLOREN“, sagen sie. „Bitte helfen Sie mir, meinen Freund zu finden.“ 

Ich trete näher und lese zum ersten Mal den kurzen Text darunter. Die Katze ist letzten Sonntag verschwunden, am 21. Oktober. Genau an dem Tag, an dem auch meine verschwunden ist, vor all den Jahren. Im selben Monat sogar. Ich begutachte die Handschrift. Eindeutig die eines Kindes, verwischt und schlampig. Ich habe seit Jahren nichts mehr mit der Hand geschrieben, aber plötzlich erinnere ich mich daran, wie meine Grundschullehrerin mich dafür getadelt hat, dass mein kleines „r“ immer wie ein „v“ aussah. Ich starre auf das Wort auf dem Poster – Fveund

Mein Handgelenk schmerzt. Ich muss diese Katze zurückbringen. Sofort. Ich halte vor dem Bungalow, überquere den ungemähten Rasen und klopfe mehrmals an das verwitterte Holz. Niemand öffnet. Ich spähe durch das Fenster, aber die Lichter sind aus. Ich beschließe, in meinem Auto zu warten. Ich warte die ganze Nacht; niemand kommt nach Hause.  

Drei Tage lang kehre ich jeden Abend zurück. Es gibt keine Spur von dem Jungen. Das Haus wirkt leer. Die Familie muss weggezogen sein. Unzählige Male wähle ich die Nummer auf den Vermisstenanzeigen. Sie kommt nie durch. Piep. Piep. Piep. Dann Stille.  

Ich mache lange Spaziergänge durch die Nachbarschaft und hoffe, dem Jungen zu begegnen. Manchmal glaube ich, ihn zu sehen. Ich laufe zu ihm, rufe: „Hey, ich hab deine Katze gefunden“, aber er schaut mich nur verwirrt and und wendet sich ab.  

Jeden Abend, wenn ich nach Hause zurückkehre und mich auf die Couch setze, springt die Katze auf meinen Schoß. Ich kann meine Suche noch nicht ganz aufgeben, aber ich weiß, dass ich es irgendwann tun muss. 

„Wie hältst du davon, hier zu bleiben?“, frage ich die Katze, rein hypothetisch. Er schnurrt, was ich so verstehe, dass es ihm nichts ausmachen würde.  

„Du brauchst einen Namen“, sage ich, obwohl ich schon einen im Sinn habe. Ich glaube, ich nenne ihn Gefunden.