Lenja Hansen
sub rosa
Der Blick der Pönitentin liegt auf den weißen Gipsblumen, die das Gewölbe zieren. Zwischen ihnen ziehen sich Steinblätter die Leiste entlang. Die Ornamente mussten mehrfach überstrichen worden sein, von den Ranken hängen Farbnasen wie Dornen. Aus der Mitte der Deckenrosette ragt ein Kabel, an dessen Ende sich Drähte winden. Die Blumen des umliegenden Stuckstrauchs sind dieselben, die die Wandkanten säumen. Im Dämmerlicht formen sich die Zentren der Blüten zu kleinen Engelsgesichtern. Sie scheinen auf die Pönitentin hinabzuschauen, sie zu beobachten.
In der Scham gibt es immer ein Gegenüber, auch wenn es sich dabei um die reine Vorstellung eines Publikums, um eine imaginierte Zeugin handelt, deren Blick man auf sich spürt, unausweichlich, wie dem des eigenen Spiegelbilds.
Die Pönitentin findet sich vor dem begehbaren Schrank wieder und überlegt, welche der Türen sie nehmen solle. Unschlüssig verharrt sie vor den Eingängen, entscheidet sich für den linken.
Die Schuld,
in der man steht,
bis man sie gesteht.
Die körperliche Dimension des Schuldbewusstseins hat ihren Abdruck sogar in der Sprache hinterlassen: Wer trägt die Schuld, wohin?
Das Polster zu den Füßen der Pönitentin trägt herzförmige Einkerbungen. Langsam beugt sie die Knie und lässt sich in den Schuldmulden ihrer Vorgängerinnen nieder. Sie senkt den Blick, verschränkt die Hände. Dort, wo der rote Stoff halbdurchlässig geworden ist, drückt die Bank gegen ihre Patella. Das Holzgitter malt ihr Schattenraster aufs Gesicht. Knarzen dringt von der anderen Seite der Wand zu ihr herüber. In der nachfolgenden Ruhe liegt die sanfte Aufforderung zu sprechen.
Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa. [1]
Die Pönitentin bleibt still. Es ist die Art der Stille, die sich der Übersetzung verwehrt. Das Schweigen, the silence, als aktive Handlung des Nicht-Sprechens, the act of being silent, oder the german silence.
Online hat sich die Pönitentin Formulierungen durchgelesen, mit denen man sich bekennen konnte. Die Einzige, die ihr nun noch einfällt: Ich bereue alle meine Sünden und auch die, an die ich mich nicht mehr erinnere. [2]
Sätze wie Hüllen, hinter denen sie sich gerne verbergen, opak werden würde. Denn:
In der Sprache versündigt die Pönitentin notwendigerweise sich selbst, genau wie das, worüber sie spricht
„Das Schweigen ist die glücklichste Verständigung.“ [3]
„Des Schweigens anderes Gespräch ist Wollust.“ [4]
Das jüngste guilty pleasure der Pönitentin war es, Schuldbekenntnisse anderer zu bezeugen. Auf dem Profilbild des Instagram-Accounts Dein Beichtstuhl legt sich ein erhobener Zeigefinger mit schwarzem, spitz-gefeiltem Gelnagel auf rosarot-geschminkte Lippen. Der Mund formt sich zu einem Shhhh. Gemeinsam mit 2,3 Millionen weiteren Follower:innen wird sie dort zur Stellvertreterin Gottes.
Die Stille wird lauter, ruft die Pönitentin nachdrücklich dazu auf, sich zu äußern. Sie trennt die Hände, beginnt mit ihrer Rechten das Perlenarmband an ihrer Linken zu drehen.
Sie fragt sich, ob die Scham als etwas Fehlerhaftes gelesen und demnach überwunden werden muss?
statt Errata [5] lies Lesarten
statt ich muss es Ich heißen
groß wie das Heiligste nur
das O fehlt
die Rose ist Rose bleibt Rose
lösch das Fragezeichen hinter dem Wollen
Die Pönitentin denkt: „Was mich selbst betrifft, ohne zu lügen und ohne die Wahrheit zu sagen, […] so habe ich immer ein Anführungszeichen links und das andere rechts von mir stehen lassen.“ [6]
Und weiter:
„Die […]“ [7] „[…] Flucht“ [8] „[…] in […]“ [9] „[…] die Worte […]“ [10] „[…] von […]“ [11] „[…] den andern […]“ [12] „[…] zwang mich nicht zur Verantwortlichkeit“ [13]. „Die Wahrheit war: […]“ [14] „Ich wollte nicht gesehen werden“ [15]. „Ja. So war es“ [67], „[…] jetzt gebe ich es zu […]“ [17]. „Ich entziehe […]“ [18]„[…] mich […]“ [19]. „Die Gegenwart entflieht mir […]“ [20], „[…] ich weiß es, aber ich kann es nicht sagen“ [21]. „Nun ja, es gibt viele Möglichkeiten, gefangen gehalten zu werden. [22]
Die Pönitentin löst das Armband von ihrem Gelenk, schüttet es von der einen Handfläche in die andere, und wieder zurück. Die aufeinander fallenden Kugeln klirren, klingen beinahe wie ein Gelächter.
Erst vor kurzem hat sie ein Zitat gelesen, sie weiß nicht mehr genau wo, oder von wem es war, doch es lautete ungefähr: Thought about putting „lol“ as the last word of my novel so no one thinks I meant any of this seriously. Der Mund der Pönitentin verzog sich dabei zu einem Schmunzeln, das sie bei Humor überkam, der leicht war, in etwa so wie Treffen-sich-Witze. Ein Schmunzeln, das offenließ, ob sie sich amüsierte, oder urteilte, oder beides zugleich.
Treffen sich zwei Unsichtbare.
Sagt die eine: "Ich hab dich durchschaut."
oder
Wo treffen sich die Schuld und die Scham?
Im Konjunktiv.
Sie hätte doch die rechte Tür nehmen sollen.
[1] Teil des Confiteor, dem traditionellen Schuldbekenntnis im christlichen Gottesdienst.
[2] Referenz zu Psalm 19, Vers 13: „Wer kann merken, wie oft er fehlet? Verzeihe mir die verborgenen Sünden!“
[3] Unica Zürn, Das Weiße mit dem roten Punkt, S.60
[4] Walter Benjamin, Metaphysik der Jugend
[5] lat. für Irrtümer; Korrekturverzeichnis von Druck- oder inhaltlichen Fehlern, die nach der Fertigstellung eines Texts entdeckt wurden
[6] Clarice Lispector, Die Passion nach G.H., S.32
[7] Inger Christensen, Der Geheimniszustand, S.51
[8] Unica Zürn, Das Weiße mit dem roten Punkt, S.89
[9] Simone Weil, Die Verwurzelung, S.89
[10] Annie Ernaux, Die Scham, S.12
[11] Anne Carson, Glas, Ironie und Gott, S.62
[12] Friederike Mayröcker, Die Abschiede, S.11
[13] Clarice Lispector, Die Passion nach G.H., S.31
[14] Christa Wolf, Nachdenken über Christa T., S.12
[15] Ingeborg Bachmann, Die gestundete Zeit, S.14
[16] Christa Wolf, Kassandra, S.178
[17] Christa Wolf, Medea, S.27
[18] Heike Geißler, Verzweiflungen, S.51
[19] Friederike Mayröcker, unnennbarer Zustand, S.144
[20] Clarice Lispector, Aqua Viva, S.7
[21] Clarice Lispector, Nahe dem wilden Herzen, S.17
[22] Anne Carson, Glas, Ironie und Gott, S.15
the penitesse’s gaze
is on the white flowers
white flowers made from plaster
embellishing the walls of the vault
inbetween
stone leaves
climbing across the fillet
these ornaments
must have been covered
over and over
as fingers of paint
dangle from their vines like thorns
there is a cord sticking out
rom the center of the ceiling rose
wires winding their way out of its end
the flowers of the circumjacent
stucco arborets are identical
to the ones lining
the ledges of the walls
in the dim light
cores of calyxes resemble
miniature faces of angels
they seem to be looking down on the penitesse
they seem to examine her
*
there is always a counterpart in shame
there is always a counterpart in shame
may it simply be the imagination of an audience
a contrived witness
whose glance is resting upon you
inevitably
like one’s own reflection
in a mirror or such
*
the penitesse finds herself
standing in front of a walk-in closet
wondering which door to select
indecisive
freezing
in front of the entranceways
the penitesse chooses
the door on the left
*
the burden
you bear
until you
declare
*
the physical realm
of guilty consciousness
leaves its imprint
even on language:
who carries guilt and where to?
*
heart-shaped indentations
in the cushion at the penitesse’s feet
slowly
she bends her knees
lowering herself into the
hollows of fault
of her antecesses
lowering her eyes
folding her hands
where red fabric
has become semi-permeable
the bench is pressing against her kneecap
the wooden grit is drawing
grates of shade on her face
a creaking carries through the wall
in the silence that follows
lies a gentle invitation to talk
mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa
the penitesse remains silent
it is a silence resisting its translation
the silence
das schweigen
as in the act of not-speaking
as in die handlung des nicht-sprechens
as in the german silence
online
the penitesse has read
phrases of confession
she remembers only a single one:
Ich bereue alle meine Sünden und auch die, an die ich mich nicht mehr erinnere.
I regret all my sins, event the ones I do not remember.
sentences like slipcases
sentences like sleeves or shells
Sentences she likes to hide behind
she likes to turn opaque behind
for in language
the penitesse inescapably
sins herself, as well as she sins
the words she speaks
Julia Zipfel
sub roses